Bukolien – die erhabene Natur

Buchenwald. Im Vordergrund Wurmfarn und Sumpf-Schwertlilie auf der nassen Lichtung

Buchenwald. Im Vordergrund Wurmfarn und Sumpf-Schwertlilie auf der nassen Lichtung

Die bukolische Dichtung ist eine antike Erfindung, sie nimmt sich den Dialog von Rinderhirten zum Anlass, um philosophische Gedankengänge zu verbreiten. Die frühen Rinderweidesysteme nutzten Wälder als Weidegründe, denn die Menschheit hatte noch nicht die Mittel, großflächige Rohdungen durchzuführen. Durch die ursprünglich ausgesprochen extensive Nutzung der Wälder entstanden abwechslungsreiche Waldlandschaften.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte diese früheste aller Kulturlandschaften hohe Ähnlichkeit mit der Urlandschaft vor ihrer Formung durch den Menschen. Die Strukturierung der Urwälder erfolgte vielleicht durch Herden großer Pflanzenfresser, deren Funktion später auf die Waldweidetiere überging.
Bukolien zeichnet sich entsprechend durch die Dominanz dynamischer, vom Menschen unbeeinflusster Prozesse aus, wir verwenden den Begriff als Metapher für ursprüngliche Wildnis.

Ursprüngliche, nicht menschendienliche Naturlandschaften als ästhetisches Erlebnis auffassen zu können, ist eine moderne Erscheinung. Schon die Romantik Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts feiert die authentische, erhabene, auf transzendentale Mächte verweisende Naturlandschaft zwar in Wort und Bild. In Garten- und Park findet dies aber keinen rechten Widerhall. Es ist eben ein Unterschied, sich die Wildnis auf einem Bild anzuschauen oder sie sich in einem Roman oder Gedicht vorzustellen oder in ihr flanieren zu müssen.

Die Menschheit brauchte nochmals 150 Jahre, um die Vermutung, die Natur allumfänglich zu beherrschen, zur kollektiven Gewissheit zu machen. Das Übermaß an überformter, vernutzter Natur lässt die Sehnsucht nach authentischer, ungezähmter Natur wachsen. Dass die meisten lebenden Europäer solche Natur noch nie mit eigenen Augen gesehen haben, tut der Faszination dabei keinen Abbruch – eher ist wohl das Gegenteil der Fall.

Bruchwald mit Schwarz-Erle

Bruchwald mit Schwarz-Erle

Wir vermuten deshalb, dass in Gärten zukünftig häufiger Pflanzenbilder zu sehen sein werden, die so aussehen, als wären sie von alleine entstanden. Sie sollen verstärkt Ausdruck eines eigendynamischen Prozesses sein. Triebfeder dieses Bedürfnisses ist das Mitleid mit einer als geschunden und hoffnungslos unterlegenen Natur. Auch wenn Mitleid in einer längerfristigen Perspektive betrachtet selbstverständlich eine naive Anmaßung ist.

Welche Elemente Pflanzungen die Autorität des Authentischen und – vermutlich wichtiger noch – der selbstbestimmten Eigendynamik verleiht, wird zukünftig stärker Gegenstand der Betrachtung sein.

Im Bukolien des Margarethenhofs wird das Urwüchsige nicht durch die Simulation von Urwaldsituationen hergestellt. Vielmehr wird der Verfall einer menschlichen Siedlung und die unaufhaltsame Rückeroberung durch eine zweite Natur spürbar gemacht.

Im Margarethenhof führen schmale Seitenpfade in das Reich der eigenmächtigen, ent-zähmten Natur Bukoliens. Der Betrachter taucht zunächst in waldartige Situationen mit geheimnisvollen Moosflächen und Frühlingsgeophyten, mannshohem Adlerfarn oder wuchernder Pestwurz ein. Von Moosen bewachsene Fundamentreste ragen als Mahnmale der Vergänglichkeit aus verwilderten, exotischen Großstauden und großblättrigen Sträuchern hervor.

Der „Wald“ überführt ihn in eine sumpfigen Senke mit feuchten Hochstaudenfluren, nassen Röhrichten und weidenbestandenen Kleingewässern. Der Betrachter geht in dieser Folge-Natur auf, spürt ihre Erhabenheit und langfristige Überlegenheit, wird von ihr ummantelt und am Ende wieder in die Kulturlandschaft entlassen.

Hochmoor - und ganz vorne das gartenbekannte Rohr-Pfeifengras mal am Naturstandort

Hochmoor – und ganz vorne das gartenbekannte Rohr-Pfeifengras mal am Naturstandort

Bach-Eschenwald mit Bachbunge und Brunnenkresse

Bach-Eschenwald mit Bachbunge und Brunnenkresse

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